Fahrraddemo am 26.03.2021

Einen Monat nach dem tödlichen Unfall an der Sennelager Straße haben wir ein mit einer Demo auf die Gefahren im Straßenverkehr hinweisen und ein weißes Geisterfahrrad an der Unfallstelle aufgestellt.

Ansprache am Unfallort

Liebe Familie des Verstorbenen, liebe Fahrradfreundinnen und -freunde,

im Namen der Initiative für Radfahrende in Paderborn begrüße ich Euch alle sehr herzlich und freue mich, dass Ihr unser Anliegen so zahlreich unterstützt.

Wir sind hier zusammen gekommen, weil genau an dieser Stelle wieder einmal ein Mensch gestorben ist, weil ihn ein anderer Mensch übersehen hat. Ein ebensolcher tödlicher Unfall beim Abbiegen war der traurige Anlass für die Gründung unserer Initiative vor elf Jahren, und inzwischen hat es weitere gleichartige Unfälle gegeben, und wenn auch nicht alle tödlich verliefen, ist doch jeder einzelne einer zuviel.

In all den Jahren hat die Initiative unermüdlich daran gearbeitet, die Verantwortlichen dazu zu bewegen, die Infrastruktur so zu verbessern, dass sie Fehler wie das Übersehen von Radfahrern beim Abbiegen verzeiht – und nicht einfach auf den sog. „Toten Winkel“ verweisen, den es bei richtig eingesetzter Technik gar nicht gibt.

Immer wieder haben wir auf unsere Nachbarn in den Niederlanden mit ihren Schutzkreuzungen hingewiesen – passiert aber ist so gut wie nichts. Dabei wären schon kleine Veränderungen – Ampelschaltungen, Geschwindigkeitsbeschränkungen, geschützte Fahrradstreifen, sog. Protected bike lanes – eine große Hilfe.

Wie viele Menschen müssen noch zu Schaden kommen, bis man endlich begreift: Wir dürfen nicht länger dem Recht des Stärkeren Raum geben, sondern müssen die Verkehrsverhältnisse den Schwächsten anpassen. Aber dafür wäre es nötig, die Fläche anders zu verteilen als bisher, und den Konflikt mit den Stärkeren, nämlich den Autofahrern, scheut man. Ja mehr noch: Man gibt Radfahrern bisweilen sogar noch die Schuld – warum bestehen sie auch auf ihren Rechten als Verkehrsteilnehmer. Verräterisch ist das Reden von „gegenseitiger Rücksichtnahme“, wie erst gestern in einem Zeitungsartikel – ein Widerspruch in sich, denn Rücksichtnahme ist keine Angelegenheit auf gleicher Augenhöhe, sondern der Stärkere nimmt Rücksicht auf den Schwächeren – und nicht anders herum.

Und wenn wir auch hier stehen, um zu trauern, gibt es doch Hoffnung – wir sehen an vielen anderen Städten, sogar in Deutschland, dem Autofahrerland schlechthin, dass es auch anders geht als wir es hier in Paderborn beobachten. Wir werden weiter unermüdlich daran arbeiten und den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung auf den Wecker gehen, damit sie endlich zur Besinnung kommen und den Straßenverkehr nicht autofreundlich, sondern menschen­freundlich gestalten.

Lasst uns bedenken, dass das, was hier geschehen ist, jedem von uns jeden Tag auch widerfahren kann. Ich bitte Euch um eine Minute des stillen Gedenkens für den Radfahrer, der hier auf so tragische Weise gestorben ist, und für die Menschen, die ihm nahestanden.

Dankeschön an alle, die mitgewirkt haben, für das Geisterrad gesorgt haben – und wir alle hoffen, dass weitere Geisterräder alsbald nicht mehr nötig sein werden.