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An der Sennelager Straße hat sich am 24.2.2021 ein schwerer Verkehrsunfall ereignet. Ein Fahrradfahrer wurde von einem abbiegenden Lastkraftwagen überrollt und getötet.

Nach dem Unfall vom 15.11.2018 an der Kreuzung Fürstenweg/Ecke Neuhäuser Straße ist das wieder ein schwerer Unfall, der einem immer wiederkehrenden Muster folgt: ein sogenannter „Abbiege-Unfall“, bei dem an einer Kreuzung ein geradeaus fahrender und vorfahrtberechtigter Radfahrer von einem rechts abbiegenden Kraftfahrzeug angefahren und schwer verletzt oder gar getötet wird, von zahlreichen weiteren glimpflich verlaufenen Abbiegeunfällen zu schweigen (siehe Berichte der Polizei im ‘Blaulicht-Portal’: https://www.presseportal.de/blaulicht/nr/55625)

Vor mehr als 10 Jahren war ein solcher Abbiege-Unfall, bei dem ein Schüler ums Leben kam, trauriger Anlass für die Gründung der Initiative für Radfahrende in Paderborn (kurz RadINI) als Projektgruppe des Umweltschutzvereins pro grün. Dass dieser RadINI - die nunmehr ihre 120. Sitzung absolviert – eine so lange Existenz beschert würde, konnte damals niemand ahnen.

Der Sennelagerunfall ist nun der Anlass, am Beispiel dieses Typs von Unfällen zu sehen, was seither für die Sicherheit von Radfahrenden in Paderborn getan wurde.

Seit dem Unfall an der Sennelager Straße sind inzwischen drei Monate vergangen – welche Konsequenzen wurden gezogen? Ideen gibt es einige, gerade auch solche, die schnell und ohne Planungsaufwand gezogen werden könnten: eine Ampelschaltung, die Radfahrende rechtzeitig in Sicherheit bringt; eine Verkleinerung des Abbiegeradius, die die Kurvengeschwindigkeit verringert – und nicht zuletzt Warnhinweise, die motorisierte Verkehrsteilnehmer zur Rücksicht gegenüber den schwächeren Verkehrsteilnehmern anhalten. Von alledem ist an dieser oder anderen Kreuzungen bisher kaum etwas zu sehen.

Die RadINI kann verweisen auf viele Versuche der Überzeugungsarbeit unter Hinweis auf Vorbilder, vor allem in den Niederlanden, nach denen viel getan werden könnte zur Verbesserung der Radfahrsicherheit, besonders an Kreuzungen. Diese Anregungen verhallten ungehört, wie die an der erwähnten Kreuzung Fürstenweg/Neuhäuser Straße angebrachten kleinen Buckel mit dem ulkigen Namen „Orcas“ zeigen: Sie, die eigentlich den geradeaus fahrenden Radfahrer vor rechtsabbiegenden Kfz schützen sollten, schützen diesen Radfahrer vor dem rechts neben ihm in die Neuhäuser Straße einbiegenden Radfahrer – ein wahrer Schildbürgerstreich, der mit den Verpflichtungen, die Paderborn mit seiner Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und radfahrerfreundlichen Städte (AGFS) eingegangen ist, überhaupt nicht zu vereinbaren ist. Hier vernachlässigt die Stadt Paderborn ganz grob ihre Verkehrssicherungspflicht.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben – es gibt auch Lichtblicke: Die Neugestaltung des Le-Mans- Walls vom Westerntor Richtung Liboriberg zählt dazu. Aber schon die immerhin längst geplante, jedoch noch immer nicht begonnene Ummarkierung der Detmolder Straße mit Radfahr- Schutzstreifen und Abbiege-Spuren kann nicht als als echte Infrastruktur-Maßnahme gelten – die Sicherheit des Radverkehrs findet sich darin kaum wieder; statt dessen gibt es Radweichen und Radstreifen in Mittellage, eine bauliche Trennung nur hier und da für wenige Meter, an den Bushaltestellen endet jeglicher „Schutz“, Teile des „neuen“ Radweges sind gar keine, sondern Fuß- und Radwege, auf denen der Radfahrer Verkehrsteilnehmer minderen Rechts ist. Die RadIni erkennt hier ihre immer wieder vorgetragenen Ideen kaum wieder.

Echte Infrastruktur-Maßnahmen muss man mit der Lupe suchen – zu groß erscheint den Verantwortlichen offenbar das Wagnis, Autofahrern etwas zuzumuten, was sie zu der Erkenntnis bringen könnte: Radfahrer sind gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer! Es wird Zeit für die Einsicht, die anderenorts, auf allen Ebenen und besonders in Fachkreisen selbstverständlich ist:
Ohne Umverteilung der Fläche zugunsten von ÖPNV, Rad- und Fußverkehr wird die Rettung unserer Innenstädte nicht gelingen.

Kein Wunder also, dass Paderborns Rang im Fahrradklimatest – trotz aller Beteuerungen seitens der Stadt, seit es den Fahrradklimatest gibt – auf niedrigem Niveau stagniert. Indem ein Dokument dem anderen folgt, werden Fortschritte nur vorgetäuscht: Bereits 2015 ließ Paderborn ein BYPAD (Bicycle Policy Audit) durchführen, dessen Ergebnisse praktisch überhaupt nicht weiter verfolgt wurden – obwohl der Runde Tisch Radverkehr genau dafür gedacht war. Im jetzigen Integrierten Mobilitätskonzept (IMOK) werden einige Erkenntnisse von damals wieder aufgegriffen – mit einer generationenübergreifenden Perspektive auf 2035(!). Wie soll damit der Wettlauf gegen die fortschreitende Klimakatastrophe gewonnen werden?

Leider hat sich Paderborn im Ranking der Unfallzahlen mit Radfahrenden seit der Gründung der AG Radsicherheit im Jahre 2010 auch nicht verbessert. Diese Arbeitsgemeinschaft wurde damals durch Bürgermeister Paus und Landrat Müller ins Leben gerufen, wegen der zu hohen Unfallquote.

Bleibt zu hoffen, dass das neue Bündnis von CDU und Grünen im Paderborner Rat nach vielen Trippelschritten endlich etwas Ganzheitliches und Nachhaltiges in puncto innerstädtischer Mobilität in Gang bringt – an Unterstützung durch die Initiative für Radfahrende in Paderborn soll es auch weiterhin nicht mangeln. Die RadINI verbindet dies mit dem dringenden Appell, dieses – kostenlose, da ehrenamtlich erbrachte – Angebot zukünftig mehr als bisher und vor allem rechtzeitig in Anspruch zu nehmen. Das würde helfen, Fehler im Vorfeld zu vermeiden und zugleich – ähnlich wie bei Verbände-Anhörungen – die Demokratie auf kommunaler Ebene zu stärken.